27. Mai Freitag der Wut I Morgen

Nacht auf Freitag
Seit der Revolution ist Schlaf unter den jungen Aktivist_innen Ägyptens ein rares Wort geworden. In der Nacht vor der Demonstration, dem „zweiten Freitag der Wut“ am 27. Mai, scheint es nicht mehr zu existieren. Niemand schläft. Es ist kurz vor drei und im Minutentakt laufen die Twitter-Nachrichten ein. Diskussionen über den morgigen Tag.
Währenddessen, ab und an, eine Nachricht aus Spanien. Es hat begonnen ein bisschen zu regnen, aber wir haben fantastische Planen und so werden wir nicht nass. Ein Zirkus ist vorbeigekommen und bringt alle zum Lächeln! Was für ein tolles Gemüsebett mitten auf dem Platz in Barcelona. Spanien scheint schon seit Tagen unendlich weit weg zu sein.
SalmaSaid, eine der vielen unermüdlichen, streitbaren, furchtlosen Blogger_innen, die jetzt allesamt versammelt sind, voneinander getrennt vor ihren Bildschirmen sitzen und doch stärker als durch die Kabel verbunden sind durch das Wissen, morgen gemeinsam, der realen Gefahr ausgesetzt, Seite an Seite auf dem Platz zu stehen, schickt ein Video herum, in dem zu wunderbaren Musik die schönsten Szene der Revolution zusammen geschnitten sind. Damit Ihr euch erinnert, wie stark wir zusammen sind!

2:20 Uhr. Es geht los. In Alexandria brennt eine Polizeistation, aus Imbaba, einem Kairoer Arbeiterstadtviertel, die Meldung dass eine Gruppe die dortige Polizeistation angreift. Zehn Minuten später: Auch diese brennt.

3.30 Uhr. Erste Meldungen vom Platz. Viele Protestierende dort, auch erste Bilder im Netz zu sehen. Gerüchte über thugs, die auf Motorrädern um den Platz fahren.

Morgen
Kurz nach fünf. Alle Straßen, die auf den Platz führen, sind mit Stacheldraht und provisorischen Barrikaden abgesperrt, junge Männer und Frauen stehen Wache, schicken Auto- und Taxifahrer, die auf den Platz fahren wollen, freundlich zurück. Manch einer schimpft, dass ihm der Weg schon wieder versperrt ist, die meisten sind es nach wochenlangen Demonstrationen und Besetzungen inzwischen gewohnt. Auf dem Weg zum Platz sorgfältig abgetastet, niemand soll Waffen mit auf den Platz bringen.

Auf dem Platz sitzen und stehen lose die Gruppen, einige hundert, vielleicht auch tausend meist junge Leute sind schon da. Fast alle kennen sich von der Revolution, den vergangenen Protesten, grüßen sich, nicken sich zu, schlagen ein. Händler pressen Saft aus frischen Mangos, kochen Kaffee auf mobilen Gaskochern.

Auf den Wiesen vor dem wuchtigen Block des Verwaltungsgebäudes Mugamma schlafen, in Decken gewickelt, diejenigen, die zu weit weg wohnen um die Nacht nach Hause zu fahren. Die ersten Plakate werden an den Laternenmasten hochgezogen, eine Gruppe probt Demonstration und zieht skandierend um den Platz. Die Stimmung ist entspannt, nur manchmal werden plötzlich „baltagiyya!“ Rufe laut, Leute sehen, springen auf. Fehlalarm, alle setzen sich wieder. Eigentlich erwartet niemand, dass vor dem Abend etwas passiert. Zunächst einmal ist die Hitze das größte Problem: Die Sonne kriecht auf den Platz und heizt die weiten Teerflächen auf. Am Tag zuvor waren es fast 40 Grad.

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