27 Mai Zweiter „Freitag der Wut“

Der Tag
Heiß. Der Platz voll Menschen, und der Boykott der Muslimbrüder macht sich bemerkbar: Nicht nur zahlenmäßig, denn soviele Demonstrierende wie bei der letzten Großdemonstration am 8. April sind es nicht. Sondern auch bei den Teilnehmern. Die, die heute hier zusammenkommen sind das Zentrum der Revolution, hier sind die jungen Menschen, die Rastlosen, die Aktiven, Männer, Frauen unter, um die zwanzig und einige ältere, Kappen auf dem Kopf, manche im Kapuzenpullover, die meisten nur im Shirt. Sie kennen sich fast alle, beim Weg über den Platz bleiben sie alle fünf Meter stehen und fallen sich in die Arme, begrüßen Freunde aus den 18 Tagen Revolution, die sie lange nicht gesehen haben und die heute, zur „zweiten Revolution“ auf den Platz zurückgekommen sind.

Fliegende Händler verkaufen Wasser, pressen Saft aus frischen Mangos, geben Koshary und süßen Couscous aus. Von den Bühnen dröhnen Lieder zur Revolution und Reden, die man aus den scheppernden Boxen nicht versteht. Einige Regentropfen klatschen auf das Pflaster, die Menschen jubeln, doch es wird kein Regen, die Luft wird nur drückender und schwüler als zuvor. Vielleicht deshalb, vielleicht, weil viele sich sicher sind, dass sie früher oder später von baltagiyyas angegriffen werden, ist die Stimmung trotz aller Vertrautheit angespannt. Eine Gruppe Männer rennt einem Dieb nach, der in die Talat Harb Straße flüchtet, erwischt ihn, prügelt auf ihn ein. Auf eine Bühne klettert der Vater eines Aktivisten, die Veranstalter wollen keine Leute, die nicht zur Organisation gehören und stoßen ihn herunter, ein wilder Streit entbrennt.

Dann zieht wieder eine Gruppe skandierend um den Platz und auf einmal beginnen alle zu jubeln und die Fahnen zu schwenken und für einen Moment ist die Stimmung gelöst, fast euphorisch. Dass trotz des Boykotts der Muslimbrüder so viele gekommen sind, feiern viele später als Erfolg – dass würde zeigen, dass man auf die nicht anwiesen ist.

Abend
Zwei AktivistInnen werden von weit über hundert Männern umringt und bedrängt, sie als thugs bezeichnen. Fliehen. Mehr Leute verlassen den Platz. Aktivist_innen versuchen jene, die auf Bleiben bestehen zu überzeugen, mitzukommen und lieber für nächste Woche noch einen großen Protestmarsch zu organisiern. Der Platz wird für den Verkehr freigegeben.

Später Abend
Kurz nach eins. Die Straßen um den Platz verlassen, am Eingang zum Platz ist wieder eine Barrikade aufgebaut. Die Leute, die dort Wache halten, sind unbekannt, sie wirken nicht wie Protestierende, fragen aggressiv nach dem Ausweis, versuchen einen Streit anzufangen.
Etwa tausend Menschen sind noch immer auf dem Platz, viele sitzen auf der inneren Verkehrsinsel im Gras und beobachten das Geschehen, dort, wo vor dem Reisebüro am Nachmittag die Bühne stand, hat sich eine größere Gruppe versammelt. Seltsame Mischung von Leuten, Protestierende, aber auch viele, die nicht wie Protestierende aussehen. Misstrauische Blicke in alle Richtungen. Stimmung angespannt. Dann, mit einem Mal, stürmt die Gruppe zu den Geländern, klettert hoch und springt darüber und ist dabei die Geschäfte im Haus anzugreifen, andere rennen hin, Rufe, Tumult auf dem Platz. Eine Gruppe Motorräder und Roller, zwei junge Männer auf jedem, schießt in die Talat Harb Straße hinaus.
Um zwei die Nachricht: Lage hat sich wieder beruhigt. Einige hundert sind noch da. Ruf nach Plastiktüten und Handschuhen, um den Müll einzusammeln.

…und wieder Morgen
Früh morgens, der Himmel färbt sich hell. Unmengen Schwalben schießen über den Platz, auf dem in improvisierten Zelten und unter Plakaten die verbliebenen Protestierenden schlafen, zwischen ihnen die Straßenkinder. Andere ziehen auf Motorrollern Runden um den Platz, einige hundert Protestierende sind noch da, trinken Tee, unterhalten sich leise, aus einem Autoradio klingt Fairuz.

Kleine Gruppen von Aktivist_innen sind emsig beschäftigt den Müll auf und um den Platz einzusammeln. Um sechs nach kurzen, heftigen Diskussionen der Beschluss, die Straßen freizugeben. Die Protestierenden, müde, erleichtert, machen sich nach und nach auf den Weg nach Hause und die Taxis und Kleinbusse, leer noch, nehmen die Straßen des Platzes wieder ein.

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