The squares back to the people!!!

Es geht schneller als gedacht: Für den 8. Juli war die nächste große Demo, die „Fortsetzung der Revolution“ angedacht. Und dann beginnt sie zwei Wochen zuvor. Am 29. Juni brechen spontan Proteste auf, die Polizei verlässt nach mehrstündigen Straßenschlachten die Straßen der Kairoer Innenstadt, die Menschen haben sich den Tahrir-Platz zurück erobert. Und die „neue Revolution“ weitet sich rasch auf ganz Ägypten aus: Auch aus Alexandria, Suez, Port Said, Ismaileya, Mahalla werden Proteste gemeldet.

Gegen Mitternacht, der 29. Juni hat gerade begonnen, klingelt das Telefon. Was ist los auf dem Platz? Habt Ihr es schon mitbekommen? Auf Twitter, Facebook laufen die Meldungen ein: Der Tahrir-Platz eine Kriegszone, Tränengaswolken, Verletzte. Eine halbe Stunde später: Ankunft. Der Platz ist voll Menschen, mehrere Tausend, mehr und mehr strömen hinzu. Die Riot Polizei CSF blockiert die Straße vor dem Gebäude der American University und schießt von dort aus Tränengasgranaten in die Menge, auch auf dem Dach des Verwaltungsgebäudes Mugamma sind Polizisten zu sehen.

Video: Tahrir Square, 29. Juni, 2.30 Uhr

Der Auslöser war offenbar die Festnahme von 25 Angehörigen der während der Revolution Getöteten am Dienstag abend. Die Familien protestieren seit mehreren Tagen in Maspero, da sie bisher weder Entschädigung erhalten haben, noch die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden – am Sonntag wurde der Prozess gegen Ex-Innenminister Al-Adly erneut vertagt. Die Zusammenstöße begannen, nachdem den Angehörigen nicht erlaubt wurde, eine Feier zu Ehren der Märtyrer zu betreten, diese war angeblich für die „Märtyrer“ in den Reihen der Polizei gedacht.

Mehrere Stunden Schlacht um den Tahrir-Platz folgen: Die Polizei feuert Gummigeschosse und Tränengas in die Menge, die Menschen weichen zurück, doch sind im nächsten Momant wieder da. Die meisten sind inzwischen erfahren in diesen Situtation, viele scheinen noch Masken zu Hause zu haben, Freiwillige träufeln Essig auf Tücher und waschen Augen aus. Motorräder fahren die Verletzten aus der ersten Reihe zu den Krankenwägen, die mit Blaulicht vor dem Kentucky Fried Chicken warten. Meldungen, dass die Polizei Verletzte in den Krankenhäusern verhaftete, manche Verletzte wollen nicht dortin gebracht werden. Vor dem American University Campus (AUC) fliegen Steine von beiden Seiten, die Polizei feuert weiter in den Menge. In Tahrir-Straße steht eine mehrfache Reihe Riot-Polizei, ein Wasserwerfen, davor hat sich eine kleine Menge versammelt und diskutiert erregt mit den Offizieren. Es heißt, sie weigerten sich den Befehl auf die Demonstrant_innen zu schießen. Dann, gegen vier: Die Polizei zieht sich zurück! Tahrir-Straße frei. Auch vor dem AUC-Campus keine Polizei mehr zu sehen, der Boden ist übersäht mit Steinen, einige Protestierende schützen einen Geldautomaten, damit niemand auf die Idee kommt, ihn versuchen aufzubrechen.

Sonnenaufgang auf dem Tahrir-Platz der einmal mehr den Menschen gehört.

Update (10:30 Uhr): Gegen fünf beginnen die Schüsse erneut. Gas, Gas, Gas… Die Kämpfe um den Platz gegen den Vormittag über weiter, zeitweise ist der Platz ruhig, die Polizei zieht sich in die umliegenden Straßen zurück, dort gehen die Zusammenstöße weiter. Immer noch viele Verletzte.
Erklärung der Regierung noch in der Nacht: Die Polizei würde keine Protestierenden angreifen, es handele sich um baltageyyas (bezahlte Schläger), die sich auf dem Platz versammelt hätten. „Das kennen wir! Alles wie am 28. Januar“, kommentieren viele der Protestierenden. Von anderer, auch offizieller Seite, gibt es Aufrufe, die Polizei solle nicht auf Demonstrant_innen schießen, diese sollten jedoch den Platz verlassen, dann ‚würde man sehen, wer die thugs sind‘ (alle die dort bleiben also).

9:00 Uhr Premierminister Sharaf tritt bleich vors Staatsfernsehen und verliest eine Erklärung mit ähnlichem Inhalt wie sie zuvor der Militärrat um 4 Uhr morgens veröffentlichet hat. Er sehe keinen Grund für die Proteste, es handele sich um gezielte Unruhestifter, die die Sicherheitslage gefährden und das Land ins Chaos stürzen wollen. Die Ägypter sollten sich diesen nicht anschließen, sondern entschieden entgegenstelle. Er könne nichts sagen, wer für gewalt verantwortlich sei, es werde Untersuchungen gebe, erst dann werde man wissen, wer da auf dem Platz mit der Polizei zusammengestoßen sei. Die Polizei habe nie Gewalt angewendet und werde dies nie tun. Alaa, bekannter Blogger und Aktivist, fordert Sharaf auf, auf dem Platz zu erscheinen und sich den Protesten anzuschließen – sonst werde er am Abend des folgenden Tages nicht mehr im Amt sein.

12:00 Uhr Kämpfe noch immer auf dem Platz, auch in manchen umliegenden Straßen, jetzt auch Proteste vor dem Innenminsiterium. Gesundheitsministerium hat die Zahl der Verletzten auf 590 erhöht. Polizei setzt abgelaufenes Gas ein, das viel gefährlicher ist – Demonstranten haben Gaskanister von 1987 gefunde, das Gas ist ca. 5 Jahre einsatzfähig. Angeblich auch Verletzte mit Schussverletzungen, nicht bestätigt. Berichte, dass das Militär nun teils die Polizei unterstüzte, die sich aus einigen Straßen zurückziehen musste.

13:00 Uhr: Ein Fußballspiel zwischen den beiden wichtigsten ägyptischen Clubs wurde zunächst verschoben, dann hat das Innenministerium angeordnet, dass es doch stattzufinden hat – gegen den Willen des Clubs Zamalek, der momentan Tabellenführer ist und dessen Fans offen auf Seiten der Revolution standen und stehen. Das Ministerium hofft offenbar, sowohl Zuschauer als auch die Ultras beider Clubs vom Platz fernzuhalten. Die Taktik geht nicht auf: Um ein Uhr treffen Ultras des Clubs Zamalak auf dem Platz ein, sie werden jubelnd empfangen. Die beiden Fußballclubs stimmen schließlich doch zu, zu spielen.

14:00 Uhr: Die Polizei hat sich aus der gesamten Innenstadt zurückgezogen, die Lage ist ruhiger. Überall Trubel, Unmengen Menschen auf dem Platz, heftige Diskussionen, manche Gruppe ziehen umher und rufen Slogans.

Diskussion am Rande des Platzes, einige Männer mittleren Alters.
- Die Menschen, die hier schon wieder Unruhe stiften sind alles Verbrecher! Die bekommen Geld aus dem Ausland. Die wollen unser Land zerstören.
- Das ist Quatsch, mein Herr, ich weiß das erzählen sie im Fernsehen im Radio, aber das stimmt nicht! (Der Mann zieht seinen Geldbeutel hervor, einige Karten heraus). Hier, mein Ausweis, ich bin Geschäftsmann, sehen Sie das ist die Lizenz für meinen Laden. Und ja… (blättert in einem Stapel Scheine) ich habe Geld! Aber ich habe es nicht aus dem Ausland bekommen, ich habe es selbst verdient! Sehe ich wie ein Verbrecher aus? Ich bin kein baltageyya! Ich bin hier, um die Leute zu unterstützen, die für unsere Rechte kämpfen, jawohl, für unsere Rechte! Und die Verbrecher, die baltageyyas, das sind die, die dreißig Jahre lang unser Land ausgeraubt haben!

Die Zufahrtsstraßen sind gesperrt, nur ab und zu ziehen einige Autos über den Platz, die die Barrikaden passiert haben. Vereinzelte Verkäufer reichen Saft und Tee herum, die meisten der Händler trauen der Situation noch nicht. Der Boden ist aufgebrochen, Haufen von Steinen an den Straßenrändern. Keine Polizei zu sehen. Eine kleine Gruppe Militärs hinter dem Gebäude der Amerikanischen Universität, eine Gruppe Offiziere beschimpft die Protestierenden, als sie Slogans gegen Tantawi, Oberster General des Militärrates, rufen.

Vor dem Innenministerium offenbar Zusammenstöße zwischen Protestierenden und Polizei. Das Innenministerium wurde evakuiert. Erste Aufrufe, von jetzt an den Platz auf unbefristete Zeit zu besetzen.

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1 Antwort auf „The squares back to the people!!!“


  1. 1 micki 29. Juni 2011 um 19:46 Uhr

    Very interesting seminar in September 2011

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