Archiv der Kategorie 'Cross the border...'

UPDATE Welcome to Egypt!

Ägypten war mal berühmt für seine Gastfreundschaft, und mit der pflegte das Land auch fleißig Werbung für sich zu machen. Mit der neuesten Kampagne der Militärregierung dürfte das wohl bald endgültig Geschichte sein: Seit Monaten schürt diese die Stimmung gegen (westliche) Ausländer und macht „feindliche Kräfte aus dem Ausland“ (sei es aus den USA, Israel oder der EU) für die andauernden Proteste im Land verantwortlich. Seit einigen Tagen setzt die Militärregierung jetzt noch eins drauf und hat im Staatsfernsehen die Kampagne „Jedes Wort hat seinen Preis“ gestartet.
Die sieht zum Beispiel so aus (Übersetzung bzw. Zusammenfassung drunter):

„Er kommt ins Café. Er weiß genau, was er will…Wir sind berühmt für unsere Gastfreundschaft und sprechen immer sofort mit jedem…“
(junge Frau fängt an, die anderen fallen ein): „Heute habe ich in der U-Bahn gehört, wie jemand über das Militär gesagt hat…“ „Es gibt Probleme mit der Gasversorgung, und die Preise sind hoch…“ „Really?“
Am Ende der Ratschlag: „Pass auf was du sagst. Jedes Wort hat seinen Preis. Ein Wort kann unser Land retten oder es zerstören.“

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UPDATE Goethe goes offline

Das Goethe-Institut Kairo ist unfreiwillig zum Sprachrohr der jungen ägyptischen Revolutionäre geworden, die gegen die Militärherrschaft aufbegehren – durch seinen Blog Transit, auf dem seit einem Jahr jungen Menschen aus und in der Region über die Umbrüche schreiben. Eine Rolle, in der sich das Institut, das dem deutschen Außenministerium untersteht, gar nicht wohlfühlte…

Nachdem das Goethe Institut in Kairo überraschend den bekannten Blog „Transit“ abgeschaltet hatte, auf dem seit einem Jahr junge Menschen über die Revolution schreiben, hagelte es Zensurvorwürfe. Kritiker riefen für Mittwoch unter dem Motto „Besetzt das Goethe-Institut“ zum Protest auf.

Keine halbe Stunde, nachdem sich die Demonstranten dort versammelten, entschuldigte sich die Leitung und stellte den Blog wieder online – inklusive zweier Artikel, die wegen ihrer kritischen Haltung gegen das herrschende Militär zurückgehalten worden waren. (weiter in der taz)

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The people didn‘t topple the regime…


Tahrir at night, Januar 25, 2012

In the end, it was all the big celebration all sides wanted: the islamist groups who put their big stages in the square, the revolutionaries who felt, after month of repression and frustration, like celebrating and forgetting all the worries for one day, all the egyptian who, in a life of daily fighting about surviving, enjoyed a day of joy and proud.

The big clashed many people were afraid of did not happen. The military dropped their plans of celebrating themselves in the squares, all around downtown and other cities, neither soldiers nor police was seen. They let the people celebrate this day. And the people celebrated it – millions in Tahrir-Square, in Alexandria, in all big cities of Egypt. The demands of the ones who wanted to turn this day into a huge protest against military rule were loud – but still they got lost in the mix of celebrations, demands, memories and voices that echoed this day. But: parts of the movement stayed on the square over night. Another sit-in has started, against the warnings of some activists who said that „every sit-in ended in a disaster the last months“. So far the military did not attack. For Friday another big march is planned. The people didn‘t topple the regime – this was one of the most widely used graffitis the last weeks. The regime is still in power and the fights are going on.

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Vor dem 25. Januar

Ein Jahr Revolution. Morgen, am 25. Januar, wird der Tahrir-Platz ein Spiegel sein, der den Zustand Ägyptens ein Jahr nach Beginn der Revolution zeigt. Was wird geschehen? Es lässt sich so wenig sagen, wie es sich vor einem Jahr sagen ließ. Wird es blutige Zusammenstöße geben, wird das Militär das zu verhindern wissen, um das Bild der Revolutionsfeiern nicht zu stören? Wird es der Auftakt zu einer nächsten Welle der Revolution – oder deren Ende?

Wenn man heute die Mobilisierungsvideos für den 25. Januar anschaut, etwa das oben (dank an den anonymen Kommentator, der es mir zugesandt hat), so finden sich darin dieselben Bilder, die seit einem Jahr für Videos dieser Art, mehr oder weniger professionell zusammengeschnitten und mit Musik unterlegt, verwendet werden. Die 18 Tage Revolution, die zu Mubaraks Rücktritt führten, sind noch immer der Ausgangs- und Referenzpunkt aller politischen Aktivität in Ägypten, auch wenn neue Bilder zurück hinzugekommen sind: die Bilder der Proteste im Juli, vor allem aber im November und Dezember. Ein Unterschied aber fällt ins Auge, vergleicht man die jetzigen Zusammenschnitte mit denen aus dem Frühjahr. Keine Panzer sind mehr zu sehen, auf denen die Protestierenden tanzen, keine Verbrüderungen und Küsse zwischen Demonstranten und Soldaten. Die Zeit der großen Einheit, der Einheit des Volkes, aber auch der Einheit des Volkes mit der Armee, sind passé.

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The war against the bloggers

December 4 the syrian blogger Razan Ghazzawi was arrested by Syrian authorities at the border to Jordan when she wanted to leave the country to attend a conference in Amman. Razan lived in Cairo for some months, I met her there, according to what she told us she already left Syria because she was unter threat, why she finally decided to go back I don‘t know. Razan was one of the few bloggers who wrote under their real name, already before the protest in Syria started in march, she was blogging about feminist topics and homosexuality, later the revolution in Syria, the questions how to organize the protest, how to support the prisoners were here main topics. She worked quite closed with some western NGOs and attended several conferences (what she saw quite critical herself according to this articel (german). Her collegue and friend blogger Hussein Ghrer just got free december 1st after being detained for 37 days – the good news was the last post on her blog before she got arrested herself.

The campaign #freerazan started right after her arrest and spread fast – Razan was a prominent member of the trans-arabic young blogger szene, she was well connected to bloggers and human rights activists in several other countries. It didn‘t help her: After being in jail for 11 days she was charged on wednesday. The accusations were: 1.establishing organization that aims to change social & economical entity of the state; 2.weakening the national sentiment and 3.trying to ignite sectarian strife. if she would be charged this would mean 15 years in jail. According to her sister, the case is postponed to Saturday. For further info read the report of Reporters without borders with links to the campaign pages, one of the campaign pages and more tips how to support Razan.

The reactions from the blogger community ranged between shock and speechlessness. Not only because of the arrest of Razan – she is part of the war against the bloggers that is going on in several countries at the same time.
Alaa Abd El-Fattah, one of the most famous egyptian bloggers just got his detention renewed today. It’s seems the egyptian military is unwilling to let him free – and it seems that the charge of „insulting the army“ is more dangerous in Egypt at them moment than the charge of killing. While the public prosecutor let all the people free today who were arrested in the Maspiro events 9th of october, Alaa is still in Tora prison, because he is „facing different charges“.
Wednesday, the same day Alaa got another 15 days of detention, Maikel Nabil Sanad, already in jail since April, was judged by a military appeal court again to two years in prison, one year less than he got in April for writing a blog post analyzing the role of the egyptian army during the revolution. Sanad is in hunger-strike since august (short articel in taz, GPMagazin/Connection e.V.).
Today, Bahrein blogger and activist Zainab Alkhawaja got arrested when she staged a sit-in in a traffic circle (see the youtube video).

#freealaa #freezainab #freerazan #freemaikel

In a time where in countries like Egypt the offical press is again and in Syria still censored and under control of the government, free speech and critics in the internet seems to be the biggest threat for the ones who are ruling by brutality, aggression and lies…

Wahlen & Co. Neues aus Ägypten

Tunesien, das erste Land des Arabischen Frühlings, hat am Sonntag sein neues Parlament gewählt. Aber während dort noch immer ein Hauch von Aufbruchsstimmung herrscht, erstarrt Ägypten unter der Militärherrschaft.

    Ende Oktober steht das Land kurz vor den Wahlen, die den Umbruch besiegeln, der Republik das Gütesiegel »geprüfte Demokratie« verpassen sollen. Und während Journalisten ins Land strömen, während alteingesessene und neue Parteien um ihr Stück vom Kuchen der Macht feilschen, sagt Khaled, der Anwalt und Aktivist, spöttisch: »Ach, Wahlen. Wahlen sind wir ja schon gewöhnt. Man geht hin, macht brav sein Kreuz, wo man soll, und hofft, dass man auf dem Rückweg nicht von bezahlten Schlägern verprügelt wird.«
    Die jungen Aktivisten vom Tahrir-Platz, die Träger der Revolution, haben dem parlamentarischen Prozess immer skeptisch gegenübergestanden, und nicht nur sie. Wahlen, das waren in Ägypten immer Zeiten der Gewalt, in der die herrschenden Parteien Schläger anheuerten und mögliche Kritiker einschüchterten, eine Zeit, in der man lieber den Mund hielt und zu Hause blieb. Das Parlament, das war ein Ort für die, die sich selbst bereichern wollten. Politik, das hat die Erfahrung gelehrt, wird auf der Straße, auf den Plätzen gemacht.
    Und was soll man sich von diesen Wahlen erhoffen? Den Termin hat das Militär hinausgezögert, erst im September gab es bekannt: Ab 28. November wird in drei Runden das Parlament gewählt. Das Wahlsystem wird seither munter weiter verändert. Es ist noch immer unklar, wer überhaupt wählen darf, wo, mit welchem Dokument.

Ähnlich skeptisch äußert sich auch ein Kommentar von Al-Jazeera zu den anstehenden Wahlen. Von denen gibt es wenig Neues: Zwar wurde heute zumindest bekannt gegeben, dass Millionen Auslandsägypter jetzt doch wählen dürfen, alles andere bezüglich der Wahlen ist weiterhin schwer unklar bzw. undurchschaubar, inklusive stetig wechselnder Koalitionen zwischen rund 50 Parteien, von denen viele Wähler Umfragen zufolge keine einzige kennen.

Dafür bestätigt sich die große Befürchtung der Demokratiebewegung : Nun hat auch offizielle eine Kampagne gestartet, um Armeechef Tantawi zum nächsten Präsidenten zu machen – während es für die Präsidentschaftswahlen nächsten Monat quasi noch keine Wahlkampf gibt, hängen dazu jetzt schon erste Plakate in Kairo und Alexandria. Seit Tantawi vor wenigen Wochen „allein“ und im Anzug durch die Kairoer Innenstadt spaziert ist und das Staatsfernsehen daraufhin seine zivilen Führungsqualitäten hervorgehoben hat, sind die Gerüchte, das Militär werde versuchen ihn als Präsidenten zu installieren nicht verstummt (s. Blogeintrag vom September).

Ausnahmezustand

Ägypten im Ausnahmezustand. Für eine Zusammenfassung der Ereignisse in Ägypten siehe Artikel in der taz, zu Israels Reaktion in der Süddeutschen, für ein Beispiel der Berichterstattung, wie sie die europäischen Medien und Agenturen dominiert die Zeit. Die EU, USA und die internationale Gemeinschaft hat das Militär nun offenbar hinter sich, wenn es gegen jede Art von weiteren Protesten und Streiks vorgeht.

Ereignisse vom Sonntag:

- Nach der Wiedereinsetzung des Ausnahmegesetzes hat eine Verhaftungswelle eingesetzt: 93 Personen wurden am Sonntag festgenommen, sie wurden von der wieder aktivierten Sicherheitspolizei Amn el-Dawla in ihren Häusern bzw. Arbeitsstellen verhaftet – das ist seit der Revolution nicht mehr geschehen! Die Regierung behauptet, sie seien am Angriff auf die Botschaft beteiligt und werden von Sondergerichten verurteilt werden. Aktivisten sagen, es handele sich um Protestierende, die auf dem Tahrirplatz waren.

- Derweil häufen sich Vorwürfe gegen das Militär, der Vorfall an der Botschaft sei von diesem initiiert. Augenzeugen berichten, die vier jungen Männer, die zuerst in die Botschaft eindrangen, seien von Soldaten bis zur Tür der Botschaft gebracht worden, diese haben dies später in Interviews bestätigt. Ein Salafiten-Führer der zunächst den Angriff auf die Botschaft guthieß, veröffentlichte Sonntag abend eine Nachricht: Hinter dem Angriff auf die Botschaft steckt das Militär. Wir müssen uns auf eine baldige Konfrontation einstellen.

- Innenminister Essawy verteidigt die neuen harten Regeln: Jeder der versuche eine Polizeistation oder ein offizielles Gebäude angreife auf den werde direkt geschossen, schießen die Polizisten nicht, werden sie hart bestraft. Das Notstandsgesetz werde insbesondere gegen Drogen- und Waffenhändler, thugs („Verbrecher“, häufig für Protestierende verwendete Beschuldigung) sowie Streikende (!) angewandt.

- Al-Jazeera Ägypten ist weiter dicht. Die Regierung hat heute 16 internationale Fernsehstationen angegriffen, Sendegeräte beschlagnahmt und Mitarbeiter verhaftet. Mehreren bekannten Fernsehmoderatoren wurde am Sonntag abend jeder weitere TV-Auftritt verboten.

- Der heute begonnene Prozess gegen die Verantwortlichen der „Camel battle“ ist vertagt. Live-Übertragung ab morgen verboten.

…so beginnt sie einen Krieg?

Wenn die Regierung die Proteste im Land nicht unter Kontrolle bekommt, so eine alte Wahrheit, so beginnt sie einen Krieg. Es ist zu hoffen, dass es soweit nicht kommen wird. Doch ob beabsichtigt oder nicht – die Logik, dass man Protesten den Wind aus den Segeln nimmt, wenn man einen äußeren Feind findet, greift derzeit in Ägypten ebenso wie in Israel.

Was passiert ist
Am Donnerstag haben vermutlich radikale palästinensische Gruppen bei einem Anschlag auf einen Reisebus im israelischen Ferienort Eilat 8 Menschen getötet, sie waren, wie es scheint, über Ägyptens Sinai-Halbinsel nach Israel gelangt. Bei der Jagd auf die Täter ist die israelische Armee Angaben von UN-Friedenstruppen zufolge auf ägyptisches Territorium vorgedrungen und hat dabei 5 ägyptische Grenzpolizisten getötet. Die Medienberichte liefern widersprüchliche Berichte, ob dies von einem Flugzeug aus oder am Boden geschah. Israel sowie zahlreiche internationale Quellen machen die prekäre Sicherheitslage auf der Sinai-Halbinsel mit für die Anschläge verantwortlich. Die europäischen Medien sprechen nun von der „schwersten diplomatischen Krise“ und einer „Eiszeit“ zwischen Ägypten und Israel. Derweil bombardiert Israel Ziele im Gazastreifen, mindestens 15 Menschen kamen ums Leben, Zeitungen sprechen von der Angst vor einem „dritten Gazakrieg“.

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London = Cairo?

In London, huge riots erupted Saturday night in the poor area of Tottenham after a 29-year-old man had been killed by the police. The riots spread to other districts of London Sunday night, more than 160 persons were arrested.

The residents attributed the incidents to local tensions and to anger of the way police is treating the people in the poor neighborhood where unemployment and poverty are high. The politicians, though, don‘t want to hear anything about police brutality – for an example watch this movie of how officers are beatening a 16-year-old girl on Saturday – or the social problems that will deepen further with the planned cuts on the social system. Listen what they say…

    „London’s Deputy Mayor Kit Malthouse blamed the violence on a relatively small number of criminals […]: „This is quite a small group of people within our community in London who … are frankly looking for stuff to nick (steal). They are picking particular kinds of stores, whether it’s because they want a new set of trainers or whatever,“ he told Sky News.

And though the residents said that they can understand why this happened and many even joined, the politician are seeing this quite different:

    Local member of parliament David Lammy said many of those arrested had come in from outside the area and organized the disorder on social messaging sites. „The weekend’s violence was not a race riot, it was an attack on the whole of the Tottenham community, organized on Twitter.“ (source: Reuters)

Ah. This argumentation sounds pretty common to all who followed egyptian politics the last months:

1. Protest, of course, are never done by protesters – as already Mubarak knew all protesters are always criminells/thugs.
2. Protest never have to do anything with the problems in the country or in the place where they take place, they are organized (!) by „forces from outside“ (SCAF) that want to destroy the country/city/district – and of course the always organize through twitter and facebook (and eat at Kentucky Fried Chicken).

Have the read the last declarations of the SCAF? And have they seen where Mubarak is now?

NO gay girl blogger in Syria…

…but a straight men blogger in Scotland.

A few days ago media all over the world reported the „kidnapping“ of blogger Amina Arraf, author of the blog A gay girl in Damascus (see old post). Soon first sources started to question the identity of Amina. They were right: On Sunday, Ali Abunimah and Benjamin Doherty of the website Electronic Intifada found out that the real author of the blog was an american man: Tom McMaster,living in Edinburgh, Scotland. A few hours later, MdMaster posted on Aminas blog and apologized for lying to his readers.

More about the case soon…

So far, a good overview over the discussion about Aminas „fake-blog“ can be found on the english Wikipedia-Site and on Globalvoices online.